Nestors Paradies

Nestors Paradies: Die 1000 Gesichter des Peloponnes

freundlich zur Verfügung gestellt von Frau Dr. Waltraud Sperling (c)

 

Eine Lagune, in der sich Flamingos ein Stelldichein geben. Ein Strand, der rosa ist, mit Sand, der wie Korallen schimmert. Ein Meer wie die Südsee. Im Inland dann Wasserfälle, gesäumt von Farn, der sich zum Urwald auswächst. Das kann doch nicht Griechenland sein, wundert sich da der Reisende. Doch es kann, weil einer der Helden Homers auch in Sachen Umweltbewusstsein der weiseste war. Weil Nestor sein Messenien zum schönsten Land in Griechenland machte. Dass hier die Götter blaue Locken hatten, nimmt da nicht mehr wunder.

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Mit dem Fahrrad zur Voidokilia, der Ochsenbauchbucht. Steil aufragende Klippen schirmen sie gen Meer hin ab, nehmen dem Westwind die Schärfe, bremsen ihn zum frischen Lüftchen ab, der jetzt im Frühsommer äußerst willkommen ist. Noch sind kaum Touristen da, nur die ersten Flamingos sind bereits eingeflogen und kuren in der seichten Lagune hinter der runden, der ochsenbauchigen Bucht. Ein Traumplatz, immer schon. Bereits zu Bronzezeiten so einladend, dass hier am glitzernden Strand der weise Nestor seine Staatsgäste empfing. Der Herrscher über das sandige Pylos (Odyssee) war hier in seinem Element, erwartete in seiner Sandburg nebst Anverwandten, Generälen und Ochsen ganze Schiffsladungen von Besuchern: Und sie erreichten die Sitze der pylischen Männer, wo Nestor saß mit seinen Söhnen und rings die Freunde zur Mahlzeit eilten, das Fleisch zu braten und andres an Spieße zu stecken. (Odyssee) Ochsenbauchbucht nannte man diesen Bankettsaal im Freien, weil die namensgebenden Tiere den Festbraten lieferten. Mit diesem Schmankerl hielt der weise König auch Götter bei Laune und tischte der Meeresgottheit auf: Schwarze Stiere zum Opfer dem bläulichgelockten Poseidon (Odyssee).

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Dass Messenien immer noch ein Platz zum Verweilen ist, haben wir Nestor zu verdanken. Wer Ilias und Odyssee für eine Mär hält, dem können die Archäologen nun erzählen, dass in der Späten Bronzezeit ein weiser, da umweltbewusster Herrscher Messenien regierte. (Ob dieser nun Nestor hieß, werden vielleicht einmal die Schriftzeugnisse zeigen.) Jahre vor dem Trojanischen Krieg macht dieser König seine Untertanen in einer anderen Sache mobil. Um 1250 v. Chr. rekrutiert er ein Heer von Arbeitern, das für mehr Grün zu kämpfen hat. Die Erde muss gerettet werden – wenigstens der verschwindende Rest des Mutterbodens, der noch an den Hängen haftet. Ausgangs der Bronzezeit gilt es erste Umweltschäden zu beheben, da die Urbauern für Weide und Getreide einst die Urwälder verheizt hatten. Beschieden sich die ersten Landwirte mit der Scholle in den Talsohlen, wollte die Schar ihrer Nachkommen schon höher hinaus. Mit der Einführung des Pfluges um 2000 v. Chr. stieg in Messenien zwar der Standard, doch leider ging`s mit der Natur bergab. Leicht ließ sich jetzt mehr Land bewirtschaften und die Neueingesessenen legten bald Hand an die Hügel. Nach dem rigorosen Roden verlor da der Humus den Halt und die Wolkenbrüche wuschen ihn Winter nach Winter aus dem Karst. Im Reich des weisen Lenkers ist man aber klug geworden und dämmt ein halbes Jahrtausend nach dem Rundumkahlschlag die Erosion ein. Nestors Ökotruppe befestigt die Halden mit Terrassen, deren Stützmauern nun unverwüstliche Rabatten fassen. Diese Freitreppen aus Erde forstet man mit Bäumen auf, die mehr als nur Holz abwerfen: Oliven und Feigen. Dazu passt sich am Rande die Walnuss an, eine neue Knabberei aus dem Osten, um 1400 v. Chr. aus Kleinasien eingeführt. In den Etagenplantagen werden die aus der Steige gestampften Anbauflächen gleich doppelt genutzt; und so reifen unter dem Obst noch Feldfrüchte. Neben dem herkömmlichen Korn wie Gerste und Weizen probiert man schon Roggen aus, der soeben aus Kleinasien eingetroffen ist. Sonnige Lagen sind wie geschaffen für Rebstöcke, die ganze Anhöhen in Weinberge verwandeln. Und die Raine der Haine werden zu Kräutergärten, da Koriander, Fenchel und Sesam das Salz der messenischen Küche sind.

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Was in Messenien früher wuchs und gedieh, haben die Mitarbeiter des PRAP, des „Pylos Regional Archaeological Project“ eruiert. Neben Archäologen trafen sich in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts weitere Wissenschaftler in Messenien, um das Land von Grund auf zu durchleuchten. „Von Kultur zeugt nämlich nicht nur ein Palast, sondern der gute Umgang mit der Natur“, erklärt der Leiter des PRAP, Jack L. Davies, sein „ganzheitliches“ Forschungsprogramm. Als Inhaber des Carl-Blegen-Lehrstuhls in Cincinnati kam der Amerikaner „back to the roots“, wie er sagt. Carl Blegen hat 1939 den Palast des Nestor entdeckt, ihn in der Folgezeit samt Inventar ausgegraben, ist da in den Mauern auf das große Tontafel-Archiv gestoßen, das die Entschlüsselung der Linear B Schrift möglich machte. Nicht nur Archäologen vergruben sich in Nestors Land. So gründelten Botaniker in der Lagune an der Voidokilia und saugten da aus der Tiefe Blütenstaub. Unter Luftabschluss überdauern Pollen Äonen und speichern als quasi natürlicher Mikrochip den Artenreichtum vergangener Vegetationen. Weil es sich um rein organisches Material handelt, kann man ihr Alter mit der C 14 Methode bestimmen. Alle Pflanzen samt Pollen absorbieren radioaktiven Kohlenstoff aus dem Kohlendioxyd der Luft, der sich in der Folgezeit gesetzmäßig verringert. Aus dem Rest lässt sich errechnen, wann ein Baum in Blüte stand. Die Forscher fanden heraus, dass sich nach der letzen Eiszeit vor etwa 10 000 Jahren die Flora schnell erholte, bei den nun herrschenden Treibhaustemperaturen auf dem Peloponnes richtig auftrumpfte. Pinien über Pinien drängten sich an den Hängen und verhakten sich zu einem Nadelurwald. Zu dieser frühen Zeit störte hier noch kein Mensch den grünen Frieden, da die ersten, die per Schiffchen kamen, nur kurz an der Küste verweilten.

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Wandermüde Nomaden ließen sich um 2000 v. Chr. in Messenien nieder und mit der neuen Sesshaftigkeit geriet die Natur aus dem Gleichgewicht. Oliven und Feigen wurden bereits kultiviert, die sich dann in der Nestor-Ära weit verbreiteten. Was an Kräutern wuchs, entnahmen die Forscher leichter den Tontäfelchen, die im Palast des Nestor gefunden wurden. In ihrer Linear B Schrift hatten die Mykener ihre bevorzugten Gewürze verzeichnet: Auf den irdischen Inventarlisten der Palastspeisekammern steht dann in Silbenschrift auf Mykenisch geschrieben, das ein frühes Griechisch war: ko-ri-ad-num ist deutlich der Koriander, Hauptgewürz der Mykener; ki-min ist Kumin, der Kümmel; su-sam ist Sesam; ma-rath-won ist der Fenchel, schon damals sehr beliebt im späteren Ouzo-Land. Die Mykener verwendeten auch Minze und Safran in ihrer Küche. Als im 12. Jahrhundert v. Chr. dann jäh die Hochkulturen starben, verschwanden mit den Mykenern auch ihre Paradiesgärten in Messenien.  Und wo sich die Natur verlorenes Terrain zurückeroberte, wuchs wie wild Zeus’ heiliger Baum. Seine Eichen müssen allerdings weichen, als sich die Griechen nach dem kulturellen Dornröschenschlaf der Dunklen Jahrhunderte wieder auf die Landwirtschaft besinnen. Es sind die Messenier, die Nestors Erbe antreten. Dieser Stamm der Dorer stammt aus der Schwarzmeerregion und war um 1000 v. Chr. auf dem Peloponnes eingewandert. Diese leidenschaftlichen Bauern roden nun Nestors Terrassen, legen wieder Felder an und beackern diese erfolgreich. Als Sparta sie zu leibeigenen Bauern machen will, verlassen sie lieber ihr Land, das – weil nicht mehr bewirtschaftet – ab 700 v. Chr. wieder brachliegt. 372 v. Chr. werden die Spartaner vernichtend geschlagen, die Messenier kehren in die alte Heimat zurück und machen – ganz in der Tradition Nestors – Messenien zu einem Garten Eden. Das Land blüht wieder auf. Als habe der Alte die Saat für eine schönere Umwelt gelegt, geriert sich in Messenien auch die Natur von allein als Landschaftsgärtner. Die Wasserfälle sind so ein Fall. Verlässt man die Hauptstraße von Pylos nach Kalamata bei Charavgi, taucht man in eine Wasserwunderwelt ein, die für südliche Breiten einzigartig ist. Der Parkplatz vor dem Einstieg ist wie jeder andere in Griechenland. Sehr mediterran mit seinen Angebinden aus Plastikmüll, weichgezeichnet durch den Sommerstaub. Von da geht es steil hinab ins Flusstal und mit jedem Meter wird die Luft frischer, die Umgebung unmediterraner.

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Unglaublich saftiges Grün umfängt einen; verwobenes Blattwerk, dichte Baumkronen schieben Sonne und Sommerhitze einen Riegel vor. Weil hier der Fluss das ganze Jahr Wasser führt, wächst in dieser Oase jede Pflanze, jeder Baum über sich hinaus. Wie der Farn, der hier zum Busch wird, der das Tiefblau der Gumpen rahmt. Ungriechisch still ist es da, wo nur das Wasser lispelt. Das Sommercrescendo der Zikaden ist weit entfernt; Libellen sirren, Süßwasserschildkröten plantschen und leise plätschern die Katarakte. Nur Ausrufe der Bewunderung und des Erstaunens werden laut. Was in Messenien die Natur schuf, haben hier auch die Mykener geschafft: Wahre Wasserbaukunstwerke, die aber nur noch ein Fachmann erahnen kann. Jost Knauss, einst Chef der Versuchsanstalt für Wasserbau in Obernach, ist Spezialist für frühgeschichtliche Wasserbauten. Die Kanalkunststücke der Mykener hat er schon in der Argolis kennengelernt und bewundert die Hydrokultur dieser Hochkultur. An einem heißen Sommertag steht er unterhalb des Nestor-Palastes bei Tragana auf einem Feld, dessen Seiten von 225 auf 350 Meter wie vom Lineal gezogen scheinen. Dem Fachmann sagt der Binsenbewuchs viel. In dem viereckigen Ried setzt er nun eine Sonde an, kommt damit spielend durch angeschwemmten Auelehm, dann aber nicht weiter. Der örtliche Brunnenbauer hilft ihm mit seinem Rotary-Bohrer. Der frisst sich nun durch drei Meter Fluss-Schotter. Darunter ist eine ebenso dicke Schicht Ton, quasi eine Goldader für den Wasserbauforscher. Flugerde dieser Art und in dieser Menge ist immer Indiz für ein ehemaliges Wasserbecken. Und was für ein Becken! Aber wofür? Die Archäologen vermuten, dass hier die Mykener einen künstlichen Hafen angelegt hatten. Der Port aus der Retorte war groß genug, um die 90 Kriegsboote zu fassen, die Nestor laut dem Schiffskatalog der Ilias für den Krieg gegen Troja flottmachte. Und es war ein absolut sicherer Hafen, weil er vom Meer aus nicht einzusehen war und die gekrümmte Einfahrt zuverlässig die Wellen brach. Baulichkeiten wie Orte sind in Nestors Reich besonders. So auch sein Palast unterhalb von Chora, den man unbedingt besichtigen sollte. Nicht nur wegen der Badewanne – es ist die Aussicht, die den Platz so unvergleichlich macht. Die Mykener müssen Schöngeister gewesen sein, was allerdings in ihren schriftlichen Überlieferungen nicht so rüber kommt. In ihren Schriftzeugnissen – zu sehen in dem einzigartigen Museum in Chora – stellen sie sich als Erbsenzähler dar, als kleinliche Buchhalter, die akribisch das Inventar ihrer Palastspeisekammern auflisteten. Keine Literatur, kein Gedicht und kein einziges Gebet findet sich auf den Tontäfelchen mit der Linear B Schrift. Vielleicht konnten Nestors Schreiber auch anders, haben erhabenere Worte als Linsen und Erbsen auf feine Tierhäute oder Holz gebannt. Als dann aber die mykenischen Paläste brannten (Gründe für den Untergang der Mykener siehe demnächst in „Herakles’ Burg“), härteten die Feuer die tönernen Schmierzettel in den Lagern und Vorratsräumen, vernichteten aber alle Akten, Urkunden, diplomatische Korrespondenz und Literarisches in den Schlossarchiven.

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Die Orte in Nestors Paradies sind nicht unbedingt von dieser jetzigen Welt. Einige verharren noch in einer Zeit, die beschaulicher war als die heutige. Wie Chora in den Küstenbergen, wo der Bummel über den Jahrmarkt im Herbst einer Zeitreise gleicht. Kupferschmiede hämmern da noch in Freiluft-Werkstätten neben Ständen mit Nippes made in China und den Angeboten messenischer Kräuterweiblein. Und ganz wie früher wird jede Menge Fleisch am Spieß gebraten. Weniger Ochsen – jetzt sind es Schweine und Lämmer. Nestors Land bleibt ein Paradies und da nimmt es kaum wunder, dass nun die ein Auge auf Messenien geworfen haben, die ein Faible fürs Grün haben: Die Golfspieler. Und so entstehen an den Hängen und unterhalb Nestors Palast Golfplätze, die hier für noch mehr Grün sorgen werden in der trockenen Sommerzeit. Ob das auch im Sinn des Weisen ist, wird sich erweisen.

Waltraud Sperlich

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